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Digitalisierung und Ethik – eine neue Chance?

Vereinfacht gesagt, könnte man es auf die Frage zuspitzen: Gibt es ein Menschenrecht, kein Smartphone zu besitzen? Ist es ethisch vertretbar zukünftig bestimmte Lebensmittel nur noch per App zu kaufen? Und was ist mit denen die kein Smartphone und die dazugehörige App haben wollen? Bekommen diesen Menschen dann beispielsweise eine bestimmte Wurst nicht mehr?

Dies ist nur eine der spannenden Überlegungen, denen Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos-Instituts (WEIT), im vergangenen Studium Generale versuchte auf den Grund zu gehen. Bewusst versuchte – denn zugleich veranschaulichte er präzise die enorme Komplexität an Problematiken und möglichen Lösungsansätzen bzw. Richtungen in welche man bei Lösungsfindungen gehen kann. So verdeutlichte er als einen zu berücksichtigenden Ansatz, dass Digitalisierung „bedeutet, unser Denken und Handeln zu verändern – nicht nur technische Innovation, sondern emotionale, intellektuelle und kulturelle Transformation“ sei und somit „eine eigene Wertekultur entsteht.“

Damit, dass diese vielen digitalen Dinge und die neu geschaffenen Wertekulturen mit all ihren Informationen den Menschen überfordern können, hält Villhauer nicht hinter dem Berg und weist auf zunehmende Ausgleichsprozesse im sozialen Gefüge hin: So geht manch ITler extrem klettern oder entdeckt seine Vinylleidenschaft wieder. Es entsteht – im metaphorischen Sinne – ein Schaffen neuer Räume im Spektrum kontrapunktischer Tätigkeiten und Wahrnehmungen. Denn hier spielt unter anderem der Verlust der Greifbarkeit der Dinge, der Haptik eine Rolle, die sich zudem weitreichend auf die Wirtschaft auswirkt: So bring Villhauer das treffende Beispiel vom Übergang realer Bücher hin zu elektronischen, immer und überall verfügbaren Dokumenten und den damit entstehenden Zustand einer aufgehobenen Knappheit an Produkten an. Darüber hinaus entsteht beispielsweise durch personalisierte Weiterverbreitung dieser Produkte der Umstand, dass der Konsument zum Produzenten wird. Eine Überlegung, die bereits in den 70er Jahren von Klaus Schöning unter Berücksichtigung der Veränderung technischer Strukturen im Radiobereich begonnen wurde zu thematisieren und im Hinblick auf das schnelle Voranschreiten der Digitalisierung viel mehr als bloß nur ein Gedanke wert ist.

Wenngleich man diese spannende Thematik und ihre Facetten an dieser Stelle nur anreißen kann, scheint es notwendig den Praxisbezug des Weltethos-Instituts an dieser Stelle nach den Worten Villhauers hervorzuheben: Ein Institut, dass „nicht im Elfenbeinturm sitzt, sondern versucht die Theorie stets in die Praxis zu überführen“ um „Ethik als Innovationselement und nicht als Verbot zu etablieren.“ Und damit kann sich die Ethik als eine Chance im Kontext der Digitalisierung bestenfalls etablieren und helfen Prozesse neu zu begründen und Impulse für Entwicklungen zu geben, so dass auch Menschen ohne App letztlich weiter ihre Lieblingswurst beziehen können.

zur Person Bernd Villhauer:

Dr. Bernd Villhauer ist seit Januar 2015 Geschäftsführer des Weltethos-Instituts (WEIT) an der Universität Tübingen. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann studierte er Philosophie, Altertumswissenschaft und Kunstgeschichte an den Universitäten Freiburg i. Brsg., Jena und Hull (UK). Der gebürtige Karlsruher lebt heute in Tübingen, ist verheiratet und Vater einer Tochter. Bernd Villhauer war nach seiner Promotion zu einem kulturphilosophischen Thema (über das Denken Aby Warburgs) für verschiedene Unternehmen im Verlags- und Medienbereich tätig, zuletzt als Lektoratsleiter der Verlagsgruppe Narr Francke Attempto, davor u.a. für den Verlag Mohr Siebeck und die Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Parallel dazu lehrte er als Dozent an den Universitäten Karlsruhe, Jena, Darmstadt und Tübingen. Seine Lehrveranstaltungen betrafen kultur- und medienwissenschaftliche Fragen ebenso wie solche der theoretischen und praktischen Philosophie und der Ökonomie. Er ist Mitbegründer des Instituts für Praxis der Philosophie e.V. in Darmstadt.

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Die kommende Veranstaltung widmet sich dem Thema "Verkaufen 4.0".

 

Termin: 28.06.2018 um 18 Uhr

Ort: Sparkassen-Forum, Haagener Straße 2, Lörrach

 

Weitere Informationen und Anmeldung unter:

https://www.dhbw-loerrach.de/?id=213